Kapitel I
Von einer geheimnisvollen Schüssel zum Kelch des Abendmahls
Der Gral taucht in der Literatur erstmals um 1180–1190 auf, in Chrétien de Troyes’ unvollendetem Roman Perceval, ou le Conte du Graal, den er für Philipp, Graf von Flandern, schrieb. Der junge Ritter Perceval, Gast auf der Burg eines verwundeten Fischerkönigs, beobachtet eine seltsame Prozession: Ein Jüngling trägt eine blutende Lanze, ihm folgt eine Jungfrau mit einem graal, einer prächtigen Schüssel, die in hellem Licht erstrahlt. Perceval versäumt es zu fragen, wem der Gral dient, und erfährt erst später, dass sein Schweigen Folgen hatte. Im Altfranzösischen war ein graal schlicht eine weite, tiefe Servierschüssel. Chrétien verleiht ihm Heiligkeit, indem er sagt, er trage eine einzige Hostie, doch seine Herkunft erklärt er nie.
Innerhalb einer Generation füllten andere Autoren diese Lücke. Um 1200 setzte Robert de Boron in seinem Versroman Joseph d’Arimathie den Gral mit dem Gefäß des Letzten Abendmahls gleich, in dem Josef von Arimathäa bei der Kreuzigung Christi Blut aufgefangen haben soll, und erdachte seine Reise nach Westen. Der deutsche Dichter Wolfram von Eschenbach machte ihn in seinem Parzival (frühes 13. Jahrhundert) stattdessen zu einem kostbaren Stein, den eine Ritterbruderschaft hütet. Der gewaltige französische Prosazyklus, der als Vulgata bekannt ist und um 1215–1235 entstand, führte Galahad ein, den reinen Ritter, der in La Queste del Saint Graal als Einziger den Gral erlangt.
In England fasste Sir Thomas Malory diese Stränge in Le Morte d’Arthur zusammen, das William Caxton 1485 druckte. In all diesen Werken wechselt der Gral zwischen Schüssel, Kelch und Stein, doch seine Rolle bleibt ähnlich: ein Gegenstand der Gnade, der den geistlichen Wert derer prüft, die ihn suchen.