Kapitel I
Ein Geheimnis in einer Höhle
Die Smaragdtafel erscheint zuerst am Ende eines arabischen Buches, das als Kitab Sirr al-Khaliqa bekannt ist, das Buch vom Geheimnis der Schöpfung. Das Buch wird Balinus zugeschrieben, dem arabischen Namen des Apollonios von Tyana, eines griechischen Weisen des 1. Jahrhunderts, der für seine Weisheit und seine Wunder berühmt war. In der Rahmenerzählung betritt Balinus ein Gewölbe unter einer Hermesstatue und findet einen alten Mann auf einem Thron, der eine Tafel aus Smaragd mit dem eingravierten Text hält und ein Buch über die Geheimnisse der Schöpfung vor sich hat.
Der Text selbst ist sehr kurz. Er beginnt mit der Erklärung, er sei wahr, ohne Lüge, gewiss und vollkommen wahr, und das Untere sei wie das Obere und das Obere wie das Untere, um die Wunder des einen Dinges zu vollbringen. Weiter spricht er von der Sonne als Vater und dem Mond als Mutter, vom Wind, der es in seinem Bauch getragen hat, und der Erde als seiner Amme, von der Trennung des Feinen vom Groben und vom Aufsteigen von der Erde zum Himmel und dem erneuten Herabsteigen. Am Ende nennt er Hermes als Sprecher, dreimal groß, weil er die drei Teile der Weisheit der Welt besitzt.
Eine weitere Fassung erscheint im Secretum secretorum, dem Geheimnis der Geheimnisse, einem vielgelesenen arabischen Fürstenspiegel, der Aristoteles zugeschrieben wurde. Wie viele arabische Werke über Alchemie und Naturphilosophie schöpfte das Buch aus griechischer Gelehrsamkeit, die ins Arabische und Syrische übersetzt worden war, und präsentierte seine Lehren als uralte Weisheit, die ein Weiser der Vergangenheit wiederentdeckt hatte.
Kapitel II
Ursprünge und Überlieferung
Seit Julius Ruskas Studie von 1926 hat die Forschung den Text durch arabische und lateinische Handschriften verfolgt. Die meisten Historiker datieren das Buch vom Geheimnis der Schöpfung ins 8. oder 9. Jahrhundert, auch wenn Teile davon auf älterem griechischem oder syrischem Material beruhen mögen. Ob die Smaragdtafel selbst ein verlorenes griechisches Original übersetzt, ist unbekannt. Ihre Gedanken, etwa die Einheit der Schöpfung und die Entsprechung von Himmel und Erde, erinnern an spätantike Philosophie, doch keine antike Quelle zitiert sie.
Im 12. Jahrhundert gelangte der Text durch Übersetzungen arabischer Werke ins lateinische Europa und kursierte bald eigenständig als Tabula Smaragdina. Alchemisten behandelten ihn als komprimiertes Rezept für die Transmutation von Metallen oder die Herstellung des Steins der Weisen und schrieben Kommentare, die jede Zeile erläuterten. Der einflussreichste, im 14. Jahrhundert Hortulanus zugeschrieben, las ihn als Beschreibung des alchemistischen Werkes. Gedruckte Ausgaben des 16. und 17. Jahrhunderts machten ihn zu einem festen Bestandteil alchemistischer Sammlungen.
Isaac Newton, der neben seiner Arbeit in der Physik jahrelang Alchemie studierte, übersetzte den Text und schrieb Notizen dazu. Seine Handschrift, heute im King’s College in Cambridge, zeigt, wie ernst Denker der Frühen Neuzeit dieses kurze, dunkle Werk nahmen.
Kapitel III
„Wie oben, so unten“ in der modernen Kultur
Die Legende der Tafel wuchs mit jeder Nacherzählung. Autoren des Mittelalters und der Frühen Neuzeit berichteten, Alexander der Große oder Sara, die Frau Abrahams, habe sie im Grab des Hermes gefunden, und manche stellten sich vor, Hermes habe sie vor der Sintflut gemeißelt. Diese Geschichten verliehen dem Text eine altägyptische Herkunft, die seine Handschriftengeschichte nicht stützt, doch sie gehörten zu einer langen Tradition, Hermes Trismegistos als Quelle uranfänglicher Weisheit zu ehren.
Im 19. und 20. Jahrhundert lasen Okkultisten, Theosophen und Mitglieder von Gruppen wie dem Golden Dawn die Tafel als Ausdruck eines universellen spirituellen Gesetzes statt als Chemie. Ihre verkürzte Formel „wie oben, so unten“ wurde zum Leitspruch für Astrologie, Magie und viele Formen moderner Spiritualität. Heute begegnet sie in Büchern, Tätowierungen, Musik und Filmen. Ein eigenständiges Werk, Die Smaragdtafeln des Thoth von Atlantis (The Emerald Tablets of Thoth the Atlantean), im 20. Jahrhundert von einem Autor veröffentlicht, der sich Doreal nannte, ist eine moderne Schöpfung und hat mit dem mittelalterlichen Text nichts zu tun.
Für Historiker ist die Smaragdtafel ein eindrucksvolles Beispiel dafür, wie ein kurzer Text, einem legendären Weisen zugeschrieben, über Sprachen und Religionen hinweg wandern kann, von der islamischen Welt ins christliche Europa und bis in die Kultur der Gegenwart.