Kapitel I
Eine Bulle auf dem Altar
An einem Sommernachmittag des Jahres 1054, als sich der Klerus von Konstantinopel in der Hagia Sophia auf die Liturgie vorbereitete, schritten drei Besucher aus Rom zum Altar. Ihr Anführer, Kardinal Humbert von Silva Candida, legte ein Schriftstück darauf und verließ die Kirche, wobei er sich angeblich den Staub von den Füßen schüttelte. Das Dokument exkommunizierte den Patriarchen von Konstantinopel, Michael Kerullarios, und seine Anhänger. Ein Diakon soll den Legaten nachgelaufen sein und sie angefleht haben, es zurückzunehmen. Sie weigerten sich und verließen bald darauf die Stadt.
Die Legation war gekommen, um einen Streit beizulegen, nicht um einen anzufangen. Im Jahr zuvor hatten Briefe von griechischer Seite, darunter einer von Erzbischof Leon von Ohrid, lateinische Bräuche angegriffen, und den Quellen zufolge hatte Kerullarios die lateinischen Kirchen in der Hauptstadt schließen lassen. Papst Leo IX. entsandte Humbert zusammen mit Friedrich von Lothringen und Petrus von Amalfi, unter anderem, um ein Bündnis mit dem byzantinischen Kaiser gegen die Normannen in Süditalien zu sichern. Humbert war ein gelehrter und streitbarer Reformer, Kerullarios ein ehrgeiziger und stolzer Prälat. Keiner von beiden war geneigt nachzugeben.
Die Umstände spielten eine ebenso große Rolle wie die Persönlichkeiten. In Süditalien eroberten die Normannen Gebiete, die zu Byzanz gehört hatten, und Kirchen des griechischen Ritus kamen dort unter lateinische Bischöfe, die lateinische Bräuche durchsetzten. Umgekehrt gerieten lateinische Gemeinden in Konstantinopel, viele davon Kaufleute aus Amalfi und anderen italienischen Städten, unter Druck, sich dem griechischen Brauch anzupassen. So wurden Fragen des Ritus zu Fragen der Zuständigkeit: Wessen Bischöfe regierten wo, und wessen Bräuche waren die richtigen? Beide Seiten glaubten, alte Überlieferung zu verteidigen, und beide verdächtigten die andere der Neuerung.
Binnen weniger Tage antwortete eine Synode in Konstantinopel. Sie verurteilte die Legaten und alle, die ihnen geholfen hatten, und die Bulle wurde öffentlich verbrannt. Der Patriarch exkommunizierte nicht den Papst, der tatsächlich bereits im April gestorben war, drei Monate bevor die Legaten handelten. Streng genommen könnte ihr Auftrag mit seinem Tod erloschen sein – ein Punkt, auf den Kirchenrechtler und Historiker seither hingewiesen haben.