Codex of FaithsEin illustrierter Atlas des Glaubens

Schatten des Glaubens · Der Körper als Opfergabe

Sati, die Witwenverbrennung

Die Geschichte der Sati, der Verbrennung hinduistischer Witwen auf dem Scheiterhaufen ihres Mannes: ihre Häufigkeit, ihre Gegner, das Verbot 1829 und das Gesetz von 1987.

Diese Seite beschreibt Verfolgung und Gewalt in der Vergangenheit. Sie ist als Geschichte geschrieben, ohne drastische Einzelheiten.

Wann
um 4. Jahrhundert v. Chr.–1987
Wo
Indien, besonders Rajasthan und Bengalen
Traditionen
Hinduismus, Sikhismus

In Zahlen

  • etwa 8.000von britischen Beamten in der Präsidentschaft Bengalen verzeichnete Fälle, 1815–1828
  • 8391818 in Bengalen verzeichnete Fälle, die höchste Jahreszahl in diesen Aufzeichnungen
  • rund 40nach der Unabhängigkeit in Indien gemeldete Fälle, die meisten davon in Rajasthan (Schätzungen schwanken)

Kurz gesagt

  1. I.Sati war der Brauch, bei dem eine hinduistische Witwe auf dem Scheiterhaufen ihres Mannes starb, von manchen als höchster Akt ehelicher Hingabe verehrt und von vielen Hindus als Selbstmord oder Mord verurteilt.
  2. II.Sie ist in griechischen Berichten des 4. Jahrhunderts v. Chr. und in indischen Inschriften des 6. Jahrhunderts n. Chr. belegt und wurde vor allem mit den Kriegereliten Rajasthans und im frühen 19. Jahrhundert mit Bengalen in Verbindung gebracht.
  3. III.Stets nur von einer kleinen Minderheit der Witwen vollzogen, wurde sie von hinduistischen Reformern wie Rammohan Roy bekämpft und 1829 im britischen Bengalen verboten.
  4. IV.Der Tod von Roop Kanwar in Rajasthan 1987 führte zum Commission of Sati (Prevention) Act, der auch die Verherrlichung der Sati unter Strafe stellt.

Zeitleiste

  1. 316 v. Chr.Griechische Historiker beschreiben nach dem Bericht eines Augenzeugen, wie die Witwe eines indischen Offiziers auf seinem Scheiterhaufen stirbt.
  2. 510 n. Chr.Eine Inschrift in Eran in Zentralindien hält fest, dass die Frau des Goparaja ihm ins Feuer folgte.
  3. 1510Der portugiesische Gouverneur Afonso de Albuquerque verbietet den Brauch in Goa.
  4. 1818–1820Rammohan Roy veröffentlicht Schriften, in denen er darlegt, dass die hinduistischen Schriften die Sati nicht verlangen.
  5. 1829Am 4. Dezember verbietet die Regulation XVII von Generalgouverneur William Bentinck die Sati in der Präsidentschaft Bengalen.
  6. 1832Der Privy Council in London weist eine Petition orthodoxer Hindus gegen das Verbot zurück.
  7. 1987Die achtzehnjährige Roop Kanwar stirbt am 4. September in Deorala in Rajasthan auf dem Scheiterhaufen ihres Mannes.
  8. 1987Das Parlament verabschiedet den Commission of Sati (Prevention) Act, der Beihilfe und Verherrlichung unter Strafe stellt.

Was die Quellen zeigen

  • Sati wird in griechischen Quellen seit dem späten 4. Jahrhundert v. Chr. und in indischen Inschriften seit dem 6. Jahrhundert n. Chr. beschrieben.
  • Gedenksteine für Frauen, die als Sati starben, finden sich in ganz Indien, besonders zahlreich in Rajasthan und im Dekkan.
  • Britische Aufzeichnungen aus Bengalen verzeichnen zwischen 1815 und 1828 etwa 8.000 Fälle, hauptsächlich in und um Kalkutta, bei einer Bevölkerung von vielen Millionen.
  • Viele hinduistische Denker, Dichter und Kommentatoren kritisierten den Brauch lange vor der Kolonialzeit, und die Sikh-Gurus verurteilten ihn.
  • Bentincks Verbot von 1829 wurde von indischen Reformern, vor allem Rammohan Roy, unterstützt und vorbereitet.

Was die Legende erzählt

  • Oft heißt es, Sati sei ein allgemeiner hinduistischer Brauch gewesen; tatsächlich war sie stets selten, auf bestimmte Regionen und gesellschaftliche Gruppen beschränkt, und die meisten Witwen lebten als Witwen weiter.
  • Ein Vers des Rigveda wurde einst zur Rechtfertigung der Sati angeführt, doch nach der üblichen Lesart fordert er die Witwe auf, sich zu erheben und in die Welt der Lebenden zurückzukehren; die von den Verteidigern zitierte Fassung beruhte auf einem verderbten Wort.
  • Manche Darstellungen schildern Sati als stets erzwungen, andere als stets freiwillig; die Quellen zeigen sowohl Zwang als auch Überzeugung, und die Stimmen der Frauen selbst sind selten überliefert.
  • Die Göttin Sati, nach der der Brauch benannt ist, starb nicht als Witwe; im Mythos verbrannte sie sich, weil ihr Vater ihren Mann Shiva beleidigt hatte, der noch lebte.

Kapitel I

Der Tod einer guten Frau

Das Sanskritwort sati bedeutet ‚eine gute Frau‘, eine treue und aufrichtige Ehefrau. Mit der Zeit bezeichnete es eine Frau, die auf dem Scheiterhaufen ihres Mannes starb, und im Englischen wie im Deutschen den Brauch selbst. Der Name erinnert an die Göttin Sati, die Gattin Shivas, die im hinduistischen Mythos ihr Leben im Feuer hingab, nachdem ihr Vater ihren Mann beleidigt hatte. Im Mythos lebte Shiva jedoch; die Verbindung mit der Witwenschaft entstand erst später.

Die früheste Beschreibung stammt nicht aus Indien, sondern aus Griechenland. Historiker, die sich auf einen Augenzeugen der Kriege nach Alexander dem Großen stützen, schildern, wie im Jahr 316 v. Chr. die beiden Frauen eines indischen Offiziers namens Keteus darüber stritten, welche von ihnen ihm auf den Scheiterhaufen folgen sollte. In Indien selbst ist das erste eindeutige Zeugnis eine Inschrift von 510 n. Chr. in Eran in Zentralindien, die besagt, dass die Frau eines Kriegers namens Goparaja ihm ins Feuer folgte. In den folgenden Jahrhunderten tauchen in vielen Regionen Gedenksteine auf, oft mit einem erhobenen, Armreifen tragenden Arm.

Der Brauch wurde am engsten mit Krieger- und Herrscherfamilien verbunden, vor allem mit den Rajputen Rajasthans, wo der Tod königlicher Witwen als Beweis der Ehre gefeiert wurde. Damit verwandt, aber davon zu unterscheiden, war der jauhar, bei dem die Frauen einer belagerten Festung den Tod im Feuer der Gefangennahme vorzogen, wie es die Barden von Chittor überlieferten. Für die Befürworter der Sati wurde die Witwe zur Beschützerin ihrer Familie und zu einer fast göttlichen Gestalt; für ihre Gegner war sie ein Opfer familiären Drucks und einer Gesellschaft, die Witwen kaum einen Platz ließ.

Europäische Reisende verfassten seit dem 16. Jahrhundert zahlreiche Berichte über Sati, und diese prägten, wie die Außenwelt Indien sah. Wie die Historikerin Andrea Major gezeigt hat, mischten ihre Beschreibungen Entsetzen mit Faszination; manche stellten die Witwen als Heldinnen ehelicher Liebe dar, andere als Opfer priesterlicher Arglist. Solche Berichte verrieten den Lesern oft mehr über europäische Vorannahmen als über die Frauen selbst, und sie verliehen dem Brauch im westlichen Indienbild eine Bedeutung, die seine tatsächliche Häufigkeit weit überstieg.

Kapitel II

Wie selten, und wer sich widersetzte

Sati war nie ein allgemeiner hinduistischer Brauch. Die große Mehrheit der Witwen lebte zu allen Zeiten weiter, oft unter strengen Einschränkungen bei Kleidung, Ernährung und Wiederverheiratung. Die besten Zahlen stammen aus dem britischen Bengalen, wo Beamte zwischen 1815 und 1828 etwa 8.000 Fälle verzeichneten, mit einem Höchststand von 839 im Jahr 1818, konzentriert auf die Bezirke um Kalkutta. Historiker vermuten, dass örtliche Faktoren, darunter ein Erbrecht, das Witwen einen Anteil am Besitz gab, und die gesellschaftlichen Umbrüche der Zeit, diese ungewöhnliche Häufung erklären könnten. Selbst dort machen die Zahlen nur einen winzigen Bruchteil der Witwen aus.

Der Widerstand innerhalb der indischen Traditionen ist alt. Der Dichter Bana kritisierte den Brauch im 7. Jahrhundert als nutzlose Torheit, und mittelalterliche Rechtskommentatoren wie Medhatithi argumentierten, er komme einem Selbstmord gleich, den die Schriften verböten. Die Sikh-Gurus verurteilten ihn; Guru Amar Das lehrte, eine wahre Sati sei eine Frau, die in Hingabe lebt, nicht eine, die verbrennt. Einige Mogulkaiser, darunter Akbar, versuchten sicherzustellen, dass keine Witwe gezwungen wurde, und 1510 verboten die Portugiesen den Brauch in Goa.

Die entscheidende Kampagne ging von Bengalen aus. Rammohan Roy, ein Kenner des Sanskrit, des Persischen und des Englischen und Gründer der reformorientierten Brahmo Sabha, veröffentlichte ab 1818 Schriften, in denen er darlegte, dass die maßgeblichen Schriften die Sati nicht verlangten und die Rechtsbücher ein enthaltsames Leben der Witwe vorzogen. Der Überlieferung nach bewegte ihn der Tod seiner eigenen Schwägerin, auch wenn diese Geschichte nicht sicher belegt ist. Er arbeitete mit wohlgesinnten Beamten und mit anderen indischen Reformern zusammen.

Kapitel III

Abschaffung und ihre Kritiker

Am 4. Dezember 1829 erließ Generalgouverneur Lord William Bentinck die Regulation XVII, die Sati in der Präsidentschaft Bengalen für illegal erklärte und als schuldhafte Tötung unter Strafe stellte. Ähnliche Gesetze folgten in Madras und Bombay. Orthodoxe Hindus gründeten eine Gesellschaft, die Dharma Sabha, und richteten eine Petition an den Privy Council in London, doch ihr Einspruch wurde 1832 abgewiesen, während Rammohan Roy in England war, um das Verbot zu unterstützen. Viele Fürstenstaaten, die nicht unter direkter britischer Herrschaft standen, schafften den Brauch in den folgenden Jahrzehnten ab.

Historiker haben die Debatte seither neu untersucht. Die Wissenschaftlerin Lata Mani hat gezeigt, dass britische Beamte ebenso wie indische Reformer und Traditionalisten vor allem über Schriften und Tradition stritten, während die Frauen im Mittelpunkt der Debatte selten nach ihrer Meinung gefragt wurden. Andere weisen darauf hin, dass koloniale Autoren die Sati bisweilen nutzten, um die britische Herrschaft als Zivilisierungsmission zu rechtfertigen, obwohl Inder den Kampf dagegen anführten. Beide Stränge sind wichtig, um zu verstehen, wie der Brauch endete.

Kapitel IV

Deorala, 1987

Sati verschwand nicht völlig. Nach der Unabhängigkeit wurden vereinzelte Fälle gemeldet, die meisten davon in Rajasthan. Am 4. September 1987 starb in Deorala im Distrikt Sikar Roop Kanwar, eine achtzehnjährige Frau, die etwa acht Monate zuvor geheiratet hatte, auf dem Scheiterhaufen ihres Mannes. In den folgenden Tagen versammelten sich Tausende an dem Ort, und manche feierten das Ereignis als heilige Tat. Frauenorganisationen, Journalisten und viele hinduistische religiöse Führer verurteilten es, und es folgte eine heftige Debatte darüber, ob sie freiwillig gegangen oder gezwungen worden war.

Der Bundesstaat Rajasthan erließ binnen Wochen eine Verordnung, und im Dezember 1987 verabschiedete das indische Parlament den Commission of Sati (Prevention) Act. Er bestraft jeden, der Beihilfe zur Sati leistet, und verbietet erstmals auch ihre Verherrlichung, einschließlich Zeremonien, Gedenkstätten und Geldsammlungen zu ihren Ehren. Die Strafverfahren im Zusammenhang mit Roop Kanwars Tod endeten mit Freisprüchen, eine Quelle anhaltender Enttäuschung für Aktivistinnen und Aktivisten. Das Verbot der Verherrlichung warf auch schwierige Fragen zu älteren Tempeln auf, die Frauen geweiht sind, die als Sati in Erinnerung geblieben sind und von denen manche noch immer Pilger anziehen; Gerichte und Behörden mussten die Volksfrömmigkeit gegen die Absicht des Gesetzes abwägen.

Heute wird Sati von den großen hinduistischen Organisationen und Führern abgelehnt, und ihre Abschaffung gilt in Indien ebenso als Leistung indischer Reformer wie des Kolonialrechts. Rammohan Roy wird als einer der Begründer der modernen indischen Reformbewegung geehrt. Die Geschichte der Sati bleibt Gegenstand von Forschung und Debatte, eine Erinnerung daran, wie eine seltene und extreme Handlung für ihre Bewunderer wie für ihre Kritiker zum Sinnbild für viel größere Fragen über Frauen, Tradition und Recht wurde.

Wo es geschah

70° O90° O 20° N30° N Eran · 510 n. Chr. Eran: 510 n. Chr. Goa · 1510 Goa: 1510 Kalkutta (Kolkata) · 1829 Kalkutta (Kolkata): 1829 Deorala · 1987 Deorala: 1987 Wo es geschah Wo es begann Spätere Orte N
  1. 510 n. Chr. Eran
  2. 1510 Goa
  3. 1829 Kalkutta (Kolkata)
  4. 1987 Deorala

Häufige Fragen

Was bedeutet das Wort Sati?

Im Sanskrit bedeutet sati ‚eine gute oder tugendhafte Frau‘. Das Wort wurde auf Witwen angewandt, die auf dem Scheiterhaufen ihres Mannes starben, und bezeichnete im Englischen und Deutschen schließlich den Brauch selbst.

Wie verbreitet war Sati?

Sie war stets selten. Selbst im Bengalen des frühen 19. Jahrhunderts, wo sie den Aufzeichnungen zufolge am häufigsten war, betraf sie einige hundert Frauen im Jahr bei einer Bevölkerung von vielen Millionen.

Wer schaffte die Sati ab?

Generalgouverneur William Bentinck verbot sie 1829 in Bengalen nach einer langen Kampagne indischer Reformer unter der Führung von Rammohan Roy. Das unabhängige Indien verschärfte das Gesetz 1987.

Quellen und weiterführende Literatur

  1. John Stratton Hawley (ed.), Sati, the Blessing and the Curse: The Burning of Wives in India (Oxford University Press, 1994)
  2. Lata Mani, Contentious Traditions: The Debate on Sati in Colonial India (University of California Press, 1998)
  3. Andrea Major, Pious Flames: European Encounters with Sati, 1500–1830 (Oxford University Press, 2006)
  4. Arvind Sharma, Sati: Historical and Phenomenological Essays (Motilal Banarsidass, 1988)