Jenseitswelten · Räder der Wiedergeburt
Diyu, die chinesische Unterwelt
Diyu, die chinesische Unterwelt, führt die Toten durch die Zehn Gerichtshöfe zu König Yama, zu Meng Pos Suppe des Vergessens und schließlich zu einer neuen Geburt.
- Wann
- von den Glaubensvorstellungen der Han-Dynastie (um 2. Jahrhundert v. Chr.) bis heute
- Wo
- China, Taiwan und chinesische Gemeinschaften weltweit
- Traditionen
- Buddhismus, Daoismus
In Zahlen
- 10Gerichtshöfe, jeder von einem der Zehn Könige regiert
- 7 Tageder Abstand zwischen den ersten sieben Gerichtshöfen, dem Gedenkfeiern an jedem siebten Tag nach dem Tod entsprechen
- 18Höllenstufen in der Volksüberlieferung (Texte nennen andere Zahlen)
Kurz gesagt
- I.Diyu, „das Erdgefängnis“, ist die Unterwelt der chinesischen Religion, eine Verbindung buddhistischer Vorstellungen von Karma und Wiedergeburt mit älteren chinesischen Glaubensvorstellungen und der Sprache der kaiserlichen Verwaltung.
- II.Die Toten treten vor die Zehn Könige, Richter von zehn Gerichtshöfen, unter ihnen König Yama, wo ihre Taten geprüft und Strafen in den Höllen zugewiesen werden.
- III.Am Ende trinken die Seelen die Suppe der Meng Po, die die Erinnerung an frühere Leben auslöscht, und werden zur Wiedergeburt zurückgeschickt.
- IV.Familien helfen ihren Toten durch Gedenkriten, Opfergaben aus Papiergeld und Papiergütern und das Geisterfest im siebten Mondmonat, die bis heute weithin begangen werden.
Die Gestalt des Kosmos
Die Himmel
Obere WeltDer himmlische Hof des Jadekaisers und das Reine Land des Buddha Amitabha im Westen, in die die Guten und Frommen wiedergeboren werden können.
Die Welt der Lebenden
Welt der LebendenDie Menschenwelt, in der örtliche Stadtgötter über das Verhalten Buch führen und die Toten der Unterwelt melden.
Das Geistertor
DazwischenDer Eingang zur Unterwelt, durch den die Toten von den Wächtern Ochsenkopf und Pferdegesicht geführt werden.
Erster Gerichtshof
Untere WeltDer Gerichtshof des Königs Qinguang, wo die Toten ihre vergangenen Taten im Spiegel der Vergeltung sehen.
Zweiter bis neunter Gerichtshof
Untere WeltAcht weitere Gerichtshöfe, darunter der fünfte, von König Yama regiert, wo Sünden gerichtet und die Seelen in die Höllen geschickt werden, die zu ihnen passen.
Die Höllen
Untere WeltDen Gerichtshöfen angegliederte Orte der Strafe, in der Volksüberlieferung oft als achtzehn Stufen gezählt. Sie sind Orte der Läuterung, nicht der ewigen Verdammnis.
Zehnter Gerichtshof und Meng Pos Brücke
DazwischenDer Gerichtshof des Königs, der das Rad dreht, wo Meng Po ihre Suppe des Vergessens reicht, bevor die Seelen die Brücke der Hilflosigkeit zur Wiedergeburt überqueren.
Die Reise nach dem Tod
Fortgeführt
Im Tod wird die Seele von Beamten der Unterwelt vorgeladen, oft als Ochsenkopf und Pferdegesicht dargestellt, und durch das Geistertor gebracht.
Der Spiegel
Im ersten Gerichtshof sieht die Seele ihre Taten im Spiegel der Vergeltung, und die Guten dürfen rasch weiterziehen.
Durch die Gerichtshöfe
Alle sieben Tage tritt die Seele vor einen anderen König, während die Familie auf Erden Gedenkfeiern abhält.
Der Blick nach Hause
Die Überlieferung verlegt in den fünften Gerichtshof eine Terrasse, von der aus die Toten ihr Zuhause und ihre Familie ein letztes Mal sehen können.
Strafe und Verdienst
Sünder leiden eine Zeit lang in den Höllen, doch Opfergaben und Riten der Lebenden können ihre Strafe mildern.
Meng Pos Suppe
Vor der Wiedergeburt trinkt jede Seele die Suppe der alten Frau Meng Po, die jede Erinnerung an frühere Leben auslöscht.
Das Rad der Wiedergeburt
Im zehnten Gerichtshof wird der Seele ihrem Karma entsprechend eine neue Geburt zugewiesen, als Mensch, als Tier oder als anderes Wesen.
Zeitleiste
- um 2. Jahrhundert v. Chr.–2. Jahrhundert n. Chr.Texte und Gräber der Han-Dynastie sprechen von den Gelben Quellen und vom Berg Tai als Wohnstatt der Toten, verwaltet wie eine Behörde.
- 1.–4. Jahrhundert n. Chr.Der Buddhismus erreicht China und bringt die Vorstellungen von Karma, Wiedergeburt, Höllen und Yama, dem Herrn der Toten, mit.
- spätes 9.–10. JahrhundertDie Schrift von den Zehn Königen beschreibt die zehn Gerichtshöfe und die Gedenkfeiern, die den Toten helfen, sie zu durchlaufen.
- 1592Die älteste erhaltene Ausgabe des Romans Die Reise nach Westen enthält den Überfall des Affenkönigs auf die Unterwelt.
- 20. JahrhundertGedruckte Höllenbanknoten werden zu einer verbreiteten Opfergabe, und die Zehn Gerichtshöfe werden in Tempeln und Skulpturengärten wie der Haw Par Villa in Singapur dargestellt.
Was die Quellen zeigen
- Vor dem Buddhismus sprachen chinesische Texte davon, dass die Toten zu den Gelben Quellen gehen, und seit der Han-Dynastie zum Berg Tai, dessen Gott die Register von Leben und Tod führte.
- Der Buddhismus brachte die Vorstellung von Höllen und von Yama, auf Chinesisch Yanluo Wang, der zum bekanntesten der Zehn Könige wurde.
- Die Schrift von den Zehn Königen aus dem späten 9. oder 10. Jahrhundert verbindet jeden König mit einer Gedenkfeier am siebten, vierzehnten und späteren Tagen nach dem Tod, bis zum dritten Jahr.
- Das Geisterfest um den fünfzehnten Tag des siebten Mondmonats verbindet das buddhistische Yulanpen-Fest, das daoistische Zhongyuan-Fest und Opfergaben für Ahnen und umherirrende Geister.
- Papieropfer für die Toten, darunter Geistergeld, sind seit Jahrhunderten belegt; Höllenbanknoten im Stil moderner Währungen wurden im 20. Jahrhundert verbreitet.
Was die Legende erzählt
- Diyu wird oft als chinesisches Gegenstück zu einer ewigen Hölle beschrieben. Im chinesischen Glauben ist es ein Ort des Gerichts und der Läuterung, und die Seelen verlassen ihn, um wiedergeboren zu werden.
- Höllenbanknoten werden manchmal für Geld für Menschen in der Hölle gehalten. Das englische Wort „hell“ wurde für die Unterwelt im Allgemeinen gebraucht, und die Scheine sind Opfergaben, um für die Ahnen im Jenseits zu sorgen.
- König Yama wird oft als Teufel vorgestellt. In der chinesischen Überlieferung ist er ein strenger, aber gerechter Richter und ein Beamter der kosmischen Regierung, kein böses Wesen.
Wichtige Personen
- ZangchuanBuddhistischer Mönch aus Chengdu, der in der Schrift von den Zehn Königen als ihr Kompilator genannt wird (spätes 9. oder 10. Jahrhundert)
- Wu Cheng’enSchriftsteller (um 1500–1582), dem traditionell der Roman Die Reise nach Westen zugeschrieben wird, der die Gerichtshöfe der Unterwelt berühmt machte
- Stephen F. TeiserAmerikanischer Religionswissenschaftler, dessen Studien über die Schrift von den Zehn Königen und das Geisterfest Standardwerke sind
Kapitel I
Das Erdgefängnis
Die chinesischen Vorstellungen vom Jenseits wuchsen in Schichten. Frühe Texte sprechen davon, dass die Toten zu den Gelben Quellen gehen, einem schattenhaften Ort unter der Erde. In der späteren Han-Dynastie, im 1. und 2. Jahrhundert n. Chr., glaubten viele, dass die Toten am Berg Tai im Osten verzeichnet würden, dessen Gott die Register von Leben und Tod wie eine Behörde führte. In Gräber gelegte Dokumente wandten sich an die Beamten der Unterwelt, wie man sich an einen Magistrat wenden würde.
Als der Buddhismus in den ersten Jahrhunderten n. Chr. China erreichte, brachte er die Vorstellungen von Karma, Wiedergeburt und den Höllen mit, zusammen mit Yama, dem indischen Herrn der Toten, auf Chinesisch Yanluo Wang genannt. Das chinesische Wort für Hölle, diyu, „Erdgefängnis“, stammt aus buddhistischen Übersetzungen. In den folgenden Jahrhunderten verschmolzen diese Vorstellungen mit einheimischen Glaubensvorstellungen und mit daoistischen Lehren über die himmlische Bürokratie. Das Ergebnis war eine Unterwelt, die wie eine kaiserliche Verwaltung geführt wurde, mit Gerichtshöfen, Richtern, Schreibern, Registern und Gefängnissen.
Die hier gezeigten Schichten sind schematisch. Diyu wird unter der Erde vorgestellt, doch Texte und Tempel ordnen die Gerichtshöfe und Höllen auf unterschiedliche Weise an, und die Himmel des Jadekaisers und des Buddha Amitabha gehören zu verschiedenen Strängen der Überlieferung. Das Schaubild folgt der Reihenfolge, in der eine Seele die Gerichtshöfe durchläuft.
Kapitel II
Die Zehn Gerichtshöfe
Das klassische Bild von Diyu erscheint in der Schrift von den Zehn Königen, einem chinesischen buddhistischen Text aus dem späten 9. oder 10. Jahrhundert, der einen Mönch aus Chengdu, Zangchuan, als Kompilator nennt. Sie beschreibt, wie die Toten nacheinander vor zehn Könige treten. Die ersten sieben Gerichtshöfe folgen im Abstand von sieben Tagen, der achte nach hundert Tagen, der neunte nach einem Jahr und der zehnte nach drei Jahren. Diese Termine entsprechen den Gedenkfeiern, die Familien für ihre Toten abhalten, und die Schrift lehrt, dass an diesen Tagen dargebrachte Opfergaben und vollzogene Riten den Toten durch jeden Gerichtshof helfen.
Die Volksüberlieferung malt die Szene aus. Wächter mit dem Kopf eines Ochsen und eines Pferdes, Ochsenkopf und Pferdegesicht, führen die Seele durch das Geistertor. Im ersten Gerichtshof, den König Qinguang regiert, sieht die Seele ihr Leben im Spiegel der Vergeltung. König Yama führt den Vorsitz im fünften Gerichtshof; eine bekannte Legende sagt, er sei vom ersten dorthin versetzt worden, weil er zu milde war. Im selben Gerichtshof soll sich eine Terrasse befinden, von der aus die Toten ein letztes Mal auf ihr Zuhause zurückblicken können. Jeder Gerichtshof ist mit bestimmten Sünden verbunden, und die Schuldigen werden in Höllen geschickt, in denen die Strafe dem Vergehen entspricht. Die Volksüberlieferung spricht von achtzehn Höllenstufen, doch Texte nennen unterschiedliche Zahlen.
Kapitel III
Vergessen und Rückkehr
Diyu ist ein Fegefeuer, keine ewige Hölle. Wenn die Strafe verbüßt ist oder Verdienst und die Gebete der Lebenden sie verkürzt haben, gelangt die Seele zum zehnten Gerichtshof, den der König, der das Rad dreht, regiert. Dort wird ihr ihrem Karma entsprechend eine neue Geburt zugewiesen. Bevor sie geht, begegnet sie Meng Po, der Herrin des Vergessens, die jeder Seele eine Schale Suppe reicht, die die Erinnerung an frühere Leben auslöscht. Dann überquert die Seele die Brücke der Hilflosigkeit, Naihe qiao, und kehrt in die Welt zurück.
Mitgefühl durchzieht diese Geschichten. Der Bodhisattva Dizang, auf Sanskrit Kshitigarbha, soll gelobt haben, die Buddhaschaft nicht zu erlangen, bevor die Höllen leer sind, und er wird in Tempeln oft als Mönch mit einem Stab gezeigt, der die Tore der Hölle öffnet. Die Erzählung von Mulian, einem Schüler des Buddha, der in die Unterwelt hinabstieg, um seine Mutter zu retten, wurde zur Gründungsgeschichte des Geisterfests. In der Erzählung findet Mulian seine Mutter als leidenden hungrigen Geist und kann sie nicht selbst speisen; der Buddha lehrt ihn, am fünfzehnten Tag des siebten Monats der Gemeinschaft der Mönche Gaben darzubringen, und das Verdienst dieser Gabe befreit sie.
Nicht jede Seele durchläuft die Gerichtshöfe geradewegs. Wer gewaltsam stirbt, zu jung oder ohne Nachkommen, die Opfergaben darbringen, kann zu einem umherirrenden Geist werden, hungrig und ruhelos. Ein großer Teil des chinesischen Ritualwesens zielt darauf, für solche Geister ebenso zu sorgen wie für die eigenen Ahnen, damit Lebende und Tote in einer Beziehung gegenseitiger Unterstützung bleiben. Daoistische Priester vollziehen Riten, um Seelen aus den Höllen zu retten, und buddhistische Mönche rezitieren Schriften und halten große Speisungszeremonien für alle Wesen in den niederen Bereichen ab.
Diese Bräuche drücken einen zentralen Gedanken der chinesischen Religion aus: dass der Tod die familiären Bande nicht beendet. Die Toten sind auf die Opfergaben und das Gedenken der Lebenden angewiesen, und die Lebenden hoffen auf den Segen und den Schutz gut versorgter Ahnen.
Kapitel IV
Opfergaben, Feste und Romane
Der Glaube an Diyu prägt die chinesischen Bräuche rund um den Tod. Familien verbrennen Papiergeld, oft als Höllenbanknoten gedruckt, sowie Papierhäuser, Kleider und andere Güter, damit ihre Ahnen in der Geisterwelt versorgt sind. Im siebten Mondmonat, wenn sich nach dem Glauben die Tore der Unterwelt öffnen, bringt das Geisterfest Opfergaben für die Ahnen und für umherirrende Geister, die keine Familie haben, die für sie sorgt. Buddhistische Tempel halten am selben Tag die Yulanpen-Riten ab und daoistische Priester die Zhongyuan-Riten.
Die Unterwelt wurde auch zu einem beliebten Schauplatz von Literatur und Kunst. Im Roman Die Reise nach Westen, erstmals 1592 gedruckt, stürmt der Affenkönig die Unterwelt und streicht seinen Namen aus dem Register von Leben und Tod, und ein Kaiser der Tang-Dynastie besucht die Gerichtshöfe und kehrt zurück. Tempel in China und Taiwan zeigen gemalte oder gemeißelte Szenen der Zehn Gerichtshöfe, und die Stadt Fengdu am Jangtse ist als „Geisterstadt“ voller Unterweltschreine bekannt. Die Haw Par Villa in Singapur, ein 1937 eröffneter Skulpturengarten, ist für ihre Zehn Höllengerichte berühmt. Diese Bilder, zugleich furchterregend und moralisch, lehrten Generationen, dass jede Tat verzeichnet wird und dass die Lebenden den Toten noch helfen können.
Häufige Fragen
Was bedeutet Diyu?
Diyu bedeutet „Erdgefängnis“. Es ist der übliche chinesische Ausdruck für die Unterwelt oder die Höllen, entlehnt aus buddhistischen Übersetzungen des Sanskritworts für Hölle.
Wer ist Meng Po?
Meng Po ist eine alte Frau des chinesischen Volksglaubens, die den Seelen vor der Wiedergeburt eine Suppe des Vergessens reicht, sodass sie sich an nichts aus ihren früheren Leben erinnern.
Warum verbrennen Menschen Papiergeld für die Toten?
In der chinesischen Überlieferung gehen auf Erden verbrannte Opfergaben in die Geisterwelt über, wo sie für die Ahnen sorgen und bei Ausgaben in der Unterwelt helfen können. Auch Papierhäuser, Kleider und sogar Telefone werden geopfert.
Was ist das Geisterfest?
Es findet im siebten Mondmonat statt, wenn sich nach dem Glauben die Tore der Unterwelt öffnen. Familien bringen den Ahnen und umherirrenden Geistern Opfergaben dar, und Tempel halten Riten für die Toten ab.
Quellen und weiterführende Literatur
- Stephen F. Teiser, The Scripture on the Ten Kings and the Making of Purgatory in Medieval Chinese Buddhism (University of Hawai‘i Press, 1994)
- Stephen F. Teiser, The Ghost Festival in Medieval China (Princeton University Press, 1988)
- Wolfram Eberhard, Guilt and Sin in Traditional China (University of California Press, 1967)
- Anthony C. Yu (trans.), The Journey to the West (4 vols, University of Chicago Press, 1977–1983)